Jens Korndörfer
Organist
Acclaim
Sternenregen von der Empore

Tübingen · Orgelsommer
Sternenregen von der Empore
Jens Korndörfer beendete das Tübinger Orgel-Festival mit einem fulminanten Feuerwerk.

09.09.2019
Von ach
In seinem 23. Jahr kann sich der Tübinger Orgelsommer über einen neuen Publikumsrekord mit über 4770 Konzertbesuchern freuen. Ein Zuwachs zeigte sich bei den 30 Mittagsmusiken mit allein 3220 Zuhörern (650 mehr als im vergangenen Jahr). Die sieben Samstagskonzerte zogen 950 Hörer an, die Reihe „Orgel.6“ brachte es auf 570 Besucher. Auch dieser Orgelsommer war wieder dankenswert getragen von vielfachem ehrenamtlichem Engagement. Der Themenschwerpunkt „Norddeutsche Orgelschule“ schlug sich in den Programmen oft nur marginal nieder, meist als Hommage zu Programmbeginn.

Das Abschlusskonzert des diesjährigen Orgelsommers am Samstag vor knapp 100 Zuhörern gab der weltweit gefragte Jens Korndörfer. 1978 im Bayerischen Wald geboren, ist der Meisterschüler des legendären Olivier Latry seit 2012 „Director of Worship, the Arts, and Organist“ an der First Presbyterian Church in Atlanta und lehrt an der dortigen Georgia State University.

Vorneweg Buxtehudes „Präludium in g“ BuxWV 149, in einem bombastisch von der Orgelempore wallenden Kathedralklang, dass man meinen konnte, Widor zu hören. Im diesjährigen Orgelsommer hat man sehr unterschiedliche Interpreten erlebt – technisch beeindruckend, historisch informiert oder akademisch gelehrt –, aber keiner riss sein Publikum so mit wie Korndörfer, schon allein durch seine hörbare Lust am Orgelspiel, eine Feier des Orgelklangs, ein Hohelied der Liebe zur Orgel.

Auch die zwölfminütige Choralfantasie „Christ lag in Todesbanden“ von Buxtehudes Schwiegervater Franz Tunder hatte den lustvoll registerschwellenden Brustton französischer Spätromantik. Von Lübeck nach Passau: Georg Muffats „Passacaglia in g“ steigerte sich zuletzt in einem unaufhaltsam klanggewaltigen Crescendo wie am Ende einer Reger-Fantasie.

Dann ein Bruch: der zweite, langsame Satz „Souviens-toi de ce soir de pluie“ („Erinnere dich an diesen regnerischen Abend“) aus der „Sonatine pour les étoiles“ („Sonatine für die Sterne“) des 1970 geborenen Valery Aubertin: post-impressionistische Clusterklänge à la Messiaen, verraucht und neblig; zoom-artige Schwenks zwischen winzigen Ton-Molekülen und riesig aufragenden Panorama-Klängen.

Schwelgerisch und erhaben César Francks Choral Nr. 1 E-Dur, so kantabel, dass man am liebsten mitgesungen hätte. Das viertelstündige Werk kann ein ziemlicher Koloss sein. Korndörfer gelang kraftvoll ausdauernd eine stetige Steigerung bis zur triumphalen Schluss-Apotheose: ein wahrer Sternenregen von der Orgelempore herab.

Vom Choral zum Spiritual: William Bolcoms jazzbehauchtes Gospel-Prelude „Sweet Hour of Prayer“ war eine smarte Überleitung zu Charles Ives‘ „Variations on America“, die der 17-Jährige für den Unabhängigkeitstag am 4. Juli 1892 schrieb. Die damalige Hymne der USA „My country, ‚tis of thee“ folgt derselben Melodie wie „God Save the Queen“. Jugendlich unbekümmert und erstaunlich avanciert schafft Ives Klang-Collagen, die Freiheit, Pluralismus und Toleranz der USA symbolisieren. Eine selbstverständliche Gleichzeitigkeit des Heterogenen bis hin zur grausig schön schrägen Bitonalität: Choral, Marching Band und Volksfest zugleich. Großartig die herrlich durchgeknallte Polonaise-Variation mit rückhaltlos hineinkreischenden Vorschlagsnoten. Nach diesem augenzwinkernden Finale setzte Korndörfer mit seiner Zugabe noch eins drauf: Brahms‘ Ungarischer Tanz Nr. 5.

ach, Südwest Presse Neckar Chronik
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