Windows of the Spirit (CD Rezension)

Auch die Orgelwelt kennt ihre durchaus festen Rituale. So kommt dem ersten Konzert nach Fertigstellung eines Orgelprojekts zunächst – meist lokal – eine hervorgehobene Bedeutung zu. Später ist es die erste Einspielung, die das Instrument – und (nicht selten) auch den Interpreten – dann medial einer breiteren Öffentlichkeit zu Gehör bringen soll. Naturgemäß ist das Programm derartiger Anlässe eher heterogen „bunt“, reicht quer durch die Epochen bis zur Gegenwart, zumal wenn zur Orgelweihe auch eine Auftragskomposition vergeben wird; soll doch ein möglichst großes Spektrum der klanglichen wie technischen Möglichkeiten der Orgel zur „Schau“ gestellt werden.
Bei der vorliegenden CD ist der Organist wahrlich nicht zu beneiden, muss er sich doch auf unter 80 Minuten Spielzeit beschränken, und das bei einem Instrument mit 112 Registern, verteilt auf zehn Teilwerke und mehrere Standorte im Raum, dazu eine schier unüberschaubare Zahl an Koppeln sowie sonstiger technischer Finessen wie Sostenuto oder Pedal Divide, die in den letzten Jahren regelrecht zur Mode geworden sind.
Dass dabei kein Weg am Großmeister Bach vorbeiführt, scheint noch immer ein ungeschriebenes Gesetz. Toccata und Fuge F-Dur erklingen hier jedoch in einer etwas janusköpfigen Interpretation. Für die Toccata wählt Jens Korndörfer ein erfrischend belebtes Tempo, das dem recht ausgedehnten Werk den nötigen „Drive“ gibt und vor statischen (Über-)Längen schützt. Zudem weiß er dem Stück durch dynamisches Auf- und Abregistrieren geschickt orchestrale Dimension zu verleihen. Weniger überzeugend gelingt ihm indes die Fuge, die allzu schwerlastig wirkt und trotz dynamischer Steigerung nicht wirklich in Schwung kommt.
Auch Josef Rheinbergers Introduktion und Passacaglia aus der 8. Sonate in e-Moll kommt zu Beginn der Aufnahme arg akademisch und kopflastig daher. Zwar eignet sich das Werk primär gut, um eine Fülle von Klangfarben und Registermischungen vorzustellen, was Korndörfer auch reichlich und geschickt nutzt, doch gefühlt dehnt sich das gut zehnminütige Stück zu einer halben Ewigkeit. Vorbehaltlos überzeugend gelingen dagegen die Interpretationen von Regers Choralfantasie über „Ein feste Burg ist unser Gott“, der 2. Satz aus Beethovens Symphonie Nr. 5 in der Bearbeitung des Interpreten sowie die Lemare-Bearbeitung der Ouvertüre zu Wagners Fliegendem Holländer. Insbesondere in den beiden letztgenannten Werken kommt die orchestrale Stärke der Orgel voll zur Geltung, werden feinste dynamische Schattierungen aus der Orchesterpartitur auch dank der technischen Spielhilfen akribisch genau auf das von den Firmen Klais und Schlueter in den Jahren 2016 bis 2018 generalüberarbeitete und erweiterte Instrument umgesetzt.
Überhaupt klingt die Orgel trotz der Vielzahl an Grundstimmen erfreulich erfrischend und hebt sich damit erkennbar von so manchem farblos-dumpfen Klangbild pseudo-romantischer Neu- und Nachbauten ab, nicht zuletzt durch ein kraftvoll-kerniges Principal-Gerüst bis in die Mixturlagen.

 

Wolfgang Valeriusorgan - Journal für die Orgel